Selbstakzeptanz - Jana Welch x LEVY Health
Gastbeitrag

Selbstliebe vs. Selbstakzeptanz

„Liebe Dich selbst – dann wird alles gut“. Mittlerweile kann ich es fast schon nicht mehr hören.

Das Wort Selbstliebe wird in der letzten Zeit fast inflationär als Allheilmittel für und gegen alles eingesetzt. Gegen Depressionen, gegen Liebeskummer, Einsamkeit, Essstörungen, Krankheit und sogar für den Weltfrieden. Wenn ich mich selbst liebe – dann wird also alles gut und heile. Und je mehr ich mich selber liebe, desto besser kann ich auch alleine sein. Doch ist es nicht gerade das, was vielen von uns zu schaffen macht. Das Alleine sein (auch gerne in Beziehungen) und die Bindungsangst? Meiner Meinung nach, leiden viele Menschen unter der von der Gesellschaft erwarteten Selbstliebe. Sie trauen sich kaum noch zu sagen, dass sie sich nicht schön, nicht attraktiv, nicht sexy etc. finden. Das würde ja bedeuten, dass an ihnen der Trend „Selbstliebe“ vorbei gegangen ist, sie die vielen Selbstliebe Ratgeber Hinweise ignoriert haben.

Je mehr ich davon höre und lese, desto weniger habe ich Lust auf Selbstliebe. Weil ich mich einfach nicht immer lieben kann.

Ich bin nicht wie Siegfried aus der Sage – unverwundbar und kann alles hinnehmen – nur weil ich mich selbst liebe. Alleine auf Instagram gibt es 2,5 Millionen Beiträge zum Thema Selbstliebe. Das sind eine ganze Menge Weisheiten und viele Dinge leuchten mir auch ein und es wäre ja toll, wenn man das alles 1:1 umsetzen könnte. Da lese ich zum Beispiel: „Ich bin in Frieden mit mir selber“ oder „Ich bin ein Magnet für Liebe und Freude“, „Sei eins mit dem Universum“, „Sorge für Dich als wärst Du die Liebe Deines Lebens“. Wenn ich das so lese, dann wird mir klar, dass ich ein klares Defizit an Selbstliebe habe.

Denn mal ganz ehrlich, ich bin nicht in immer in Frieden mit mir selber und will es auch gar nicht immer sein – einfach weil ich mich mit mir und auch anderen auseinandersetze und das ist manchmal eben auch nicht wirklich friedlich. Ich spüre also eher Druck und Stress in meiner Brust, wenn ich diese schlauen Hinweise buddhistischer Influencer lese und frage mich, ob sie das auch wirklich selber leben oder ob es nur en Vogue ist, sich ein spirituelles Insta – Kleid anzuziehen. Mir ist das alles zu viel und ich würde mir wünschen, dass der Begriff Selbstliebe weniger inflationär benutzt werden würde.

Denn wirkliche Selbstliebe bedeutet für mich, dass ich mir keinen Stress mache, mich immer selbst zu lieben, sondern es auch sehr ok sein kann, wenn ich mich mal nicht mag, oder gar liebe.

Einfach weil ich mich gerade nicht danach fühle, es nicht authentisch wäre, mich selber zu lieben, wenn ich gerade wieder meine Tage bekommen habe, nachdem ich seit zwei Jahren versuche schwanger zu werden. Sorry, da bin ich raus.

Gerade in meinem Feld der Sexologie höre ich das Wort Selbstliebe auch sehr oft. Du musst dich erst selbst lieben, bevor Du einen anderen Menschen lieben kannst. Was aber wäre, wenn ich genau den Spiegel eines anderen Menschen brauche, um mich selber zu lieben. Das gibt es nämlich auch. Wir leben jedoch in einer derart egozentrierten Epoche, dass wir es also wichtiger finden uns selbst zu lieben, als jemanden anderen.

Hm – das kann man so machen, aber wenn ich mal ganz ehrlich bin, für mich ist es das Schönste auf der Welt, wenn ich durch einen anderen Menschen mich selber lieben, entdecken und verändern kann. Ja ich weiß, dass darf man heute schon gar nicht mehr schreiben. Aber so ist es bei mir. Das bedeutet nicht, dass ich mich aufgebe und zu allem Ja und Amen sage und in toxische Beziehungen verharre – aber es bedeutet für mich, dass ich durch das Miteinander mit anderen Menschen mich spiegeln kann und mein Verhalten überprüfe und verändern kann, wenn ich das möchte.

So ganz alleine und nur mit mir selber ist das ja kaum möglich. Es geht also wie immer um ein gesundes Mittelmaß. Es geht darum, ehrlich in sich hinein zu fühlen, ob ich gerade in diesem Moment etwas tue, was mir gut tut oder nicht. Oder ob ich es nur für jemanden anderen tue. Das kann auch mal in Ordnung sein, wenn ich mir dessen bewusst bin. Vielleicht tue ich mal etwas aus reiner Nächstenliebe – und pfeife für einen Moment auf die Selbstliebe.

Wichtig ist alleine, dass es Dir damit gut geht und Du dafür sorgst, dass deine Grenzen eingehalten werden und Du dich nicht für andere Menschen oder gesellschaftliche Normen verbiegst. DAS ist für mich wahre Selbstliebe.

Eigentlich ganz einfach. Ähnlich sieht es auch meine hochgeschätzte Kollegin Esther Perel, die den Begriff Selbstliebe so definiert: Selbstliebe ist das Bewusstsein und die Akzeptanz unserer Unvollkommenheit. Es gehe nicht um die Fähigkeit, Einsamkeit auszuhalten oder eine Unabhängigkeit zu etablieren.

Und in meiner Praxis?

Gerade wenn mir das Thema Kinderwunsch begegnet bin ich mit dem Begriff der Selbstliebe eher vorsichtig. Denn ist es doch oft so, dass Frauen mit unerfüllten KW weit weg von Selbstliebe sind – die Umstände sind eben oft schmerzhaft und Gefühle wie Wut und Enttäuschung stehen eher an der Tagesordnung. Die ehrliche Wahrnehmung und die Anerkennung dieser Gefühle ist für mich wahre Selbstliebe, sich nicht selber und seinen Körper zu verurteilen, dass „es“ vielleicht diesen Zyklus wieder nicht geklappt hat. Daher verwende ich den Begriff der Selbstakzeptanz viel lieber. Er erscheint mir realistischer und beschreibt das, was ich meinen Klienten gerne empfehle:

Selbstakzeptanz bedeutet für mich die Fähigkeit, die eigenen Stärken und Schwächen wahrzunehmen und den momentanen IST-Zustand milde anzunehmen. Das heißt nicht, dass ich diesen Zustand auf Dauer toll finden muss– aber ich akzeptiere ihn ohne mich dafür den ganzen Tag fertig zu machen. Ich lenke meinen Fokus auf Dinge, die mir sonst noch Freude im Leben machen.

Frauen mit Kinderwunsch, so meine Erfahrung, fällt aber genau das schwer. Gedanken und Selbstzweifel , wie „…bin ich überhaupt eine richtige Frau, wenn ich keine Kinder bekommen kann“ quälen den Geist gerne Tag und Nacht und sorgen dafür, dass man sich selber als defizitär erlebt und auf Dauer immer unzufriedener wird. Diesen Frauen zu erzählen, dass sie sich einfach mehr selbst lieben sollen erscheint mir mehr als grotesk.

Ich richte den Fokus daher lieber auf Fragen wie:

  • Wie kommunizierst Du deine (negativen) Gefühle?
  • Wieviel Raum dürfen diese haben?
  • Kommunizierst Du ehrlich und offen mit deinem Partner
  • Was macht Dir im Leben Freude? Auf welche energiespendenden Ressourcen kannst Du zurückgreifen?
  • Wer kann dich sonst noch unterstützen?
  • Hast Du alle Möglichkeiten der Diagnose ausgeschöpft?

Sich selber einzugestehen, anzunehmen und zu akzeptieren, dass die momentane Situation wirklich belastend ist, sich zu erlauben dies auch offen und ehrlich zu kommunizieren, schafft Raum für schönere Dinge und kann den Fokus auch mal weg vom KW auf etwas Anderes lenken.

Leicht ist das nicht – das weiß ich aus eigener Erfahrung – aber alleine schon, dass Du Dir erlaubst, Dich zu akzeptieren wie Du bist, kann dazu führen, dass Du schöne Momente, fern vom KW, auch wieder mehr genießen kannst.

Über Jana Welch

Ich lebe mit meinen beiden Kindern in Hamburg und arbeite dort als Sexologin mit eigener Praxis – live und online. Ich habe einen Master in Sexologie und bin systemische Sexualtherapeutin für Paare. In meinem ersten Berufsleben war ich Journalistin und Fernsehproduzentin. Heute kann ich diese beiden Felder mit meinem Lieblingsthema Sexualität besetzen. Denn für mich ist eine intakte Sexualität der Kleber einer jeden Beziehung. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man Sexualität zu jedem Zeitpunkt seines Lebens verändern kann und genau das vermittle ich als „Mutmacherin“ meinen Klienten. Es ist nie zu spät.

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