Unerfüllter Kinderwunsch

Unerfüllter Kinderwunsch: Leonies Geschichte

Leonie* (30 Jahre) hat seit knapp 2 Jahren einen unerfüllten Kinderwunsch.

 

Wann und wie hast du gemerkt, dass es mit dem Kinderkriegen bei euch schwierig ist?

Vor Jahren, als ich ganz jung war, 12 oder 13 Jahre, habe ich angefangen, die Pille zu nehmen. Leider habe ich diese überhaupt nicht vertragen: Ich habe ca. 12 Kilo zugenommen und sie dann auch direkt abgesetzt. Mit dem Absetzen der Pille habe ich zwar alles wieder abgenommen, aber für mich war klar: Die Pille ist nichts. 

Dann habe ich mit dem Nuvaring probiert zu verhüten, weil mit dem Ring die Hormone viel lokaler wirken sollen. Auch davon hatte ich starke Nebenwirkungen: Ich hatte schlimme Migräneattacken und Wassereinlagerungen. 

Als ich in die USA gegangen bin, waren die Kosten für den Nuvaring so viel höher, dass ich nochmal zur Einnahme der Pille übergegangen bin. Wie zu erwarten habe ich es überhaupt nicht vertragen und dann den Entschluss gefasst, gar nicht mehr hormonell zu verhüten. Deshalb habe ich mir dann die Kupferspirale einsetzen lassen. Nach 3.5 Jahren habe ich sie entfernen lassen und dann wenige Zeit später gemerkt, dass meine Periode nur kurz andauerte. Damit bin ich dann als Erstes für eine Untersuchung zu meinem Frauenarzt gegangen, das kann man mit einem Kinderwunsch dann zu Beginn sogar ein zweites Mal im selben Jahr. 

Wie hat sich der Besuch beim Frauenarzt abgespielt, und wie ging es danach weiter?

Beim Frauenarzt wurde mir zu Beginn meines Zykluses Blut abgenommen und gecheckt, ob mein Eisprung stattfindet. Laut der Untersuchung war alles gut. Ich konnte mir das nur nicht wirklich vorstellen. Meine Tage hatte ich kaum, wenn dann für maximal zwei Tage und stattdessen ständige Schmierblutungen. Mein Frauenarzt hat mich dann noch zu einer Eileiterdurchspülung geschickt, die bei mir auch ohne Befund blieb und mich mit der Frage zurückließ, warum es bei mir einfach nicht klappt. Als letztes habe ich einen At-Home Test mit Speichelprobe gemacht. Auch das hat mir nur bedingt weitergeholfen. 

Mit diesem Ergebnis und weiterer Selbst-Recherche bin ich drauf gekommen, dass ich eventuell von einem Gelbkörpermagel betroffen bin und habe deswegen in der zweiten Hälfte meines Zykluses Macawurzel genommen (was auch als Empfehlung bei dem Speichel-Test herauskam). Natürlich ist Kinderwunsch keine reine Frauensache, daher haben wir nun auch bei meinem Freund prüfen lassen, wie sein Spermiogramm aussieht.

Das hatte tatsächlich einen Befund. So wissen wir bereits, dass für uns wahrscheinlich nur eine ICSI (Intrycytoplasmatische Spermieninjektion) in Frage kommt.

Was hast du damals gefühlt?

Bei meinem Frauenarzt habe ich mich von Anfang nicht komplett ernst genommen gefühlt. Inzwischen habe ich auch den Arzt gewechselt. 

Als ich angesprochen habe, dass ich das Gefühl habe, etwas stimmt mit mir nicht, wurde das einfach abgetan. Ich habe mich auch nicht ganzheitlich untersucht gefühlt. Es wurde das naheliegendste, eine einfache Blutabnahme gemacht, bei der ich nichtmal weiß, was genau untersucht wurde, aber nicht tiefergehend geschaut. Das hat mich echt geärgert und mir ein Gefühl von Hilflosigkeit gegeben. 

Ich wusste nicht wohin mit meinem Anliegen und finde es wahnsinnig schwierig einen Frauenarzt oder eine Frauenärztin zu finden, die wirklich ganzheitlich und tiefergehend schaut. Man kennt sich nicht im Detail aus, sondern liest im Internet einfach hunderte Dinge. Hinzu kommt, dass man auch für alles zahlen muss, damit man weiter kommt in seinem Vorhaben. Da vergeht einem echt schnell die Lust. 

Selbst wenn ich nun aufgrund des Befundes meines Partners in eine Kinderwunschklinik gehen würde, weiß ich ja immer noch nicht, ob das die richtige Behandlung für mich ist, weil ich gar nicht diagnostiziert bin. Wir waren schon fast dankbar für die Diagnose meines Partners, weil es einfach etwas von dieser Unsicherheit nimmt und wir nun wissen, in die Richtung kann es weitergehen. 

Aber mir fehlt eben noch eine Diagnose oder zumindest die Gewissheit, dass ich ganzheitlich untersucht wurde. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung beim Frauenarzt wurden mir nur kurz telefonisch mitgeteilt und es hieß die Werte sind gut. Aber meines Wissens wurden dabei nur die Standard-Hormone wie Progesteron und Östrogen getestet.

Kannst du uns noch mehr zum Spermiogramm deines Partners erzählen? 

Mein Freund war bei einer Andrologin, dort hat er mit zeitlichem Abstand zwei Spermiogramme durchführen lassen. Bei dem Zweiten dachten wir erst, es sei ein besseres Ergebnis als beim Ersten, weil die Ärztin meinte es schaue besser aus, ABER einige Sachen waren eben nicht in Ordnung. Da waren wir etwas enttäuscht, weil wir erst optimistisch gehalten wurden, dann aber doch der Befund kam. Im Endeffekt hat es nur das erste Spermiogramm bestätigt. Es war zwar in dem Moment ein Schock für mich, denn es ist ja am Ende die Frau, die behandelt wird und nicht der Mann. Und dennoch war es für mich sehr wichtig, diese Gewissheit zu haben. Das Schlimmste ist diese Ungewissheit.

 

Unerfüllter Kinderwunsch: Wie geht man damit um?

Wie gehst du mit dem Thema unerfüllter Kinderwunsch um? Teilst du es mit deinem Freundes- und Bekanntenkreis oder behaltet ihr es zwischen euch?

Ich bin relativ offen damit. Im Nachhinein denke ich manchmal, ich habe zu früh angefangen darüber zu reden, dass wir uns ein Kind wünschen. Ich habe gar kein Problem darüber vor meinen Freundinnen zu sprechen, aber ich bin auch am Anfang davon ausgegangen, dass es an mir liegt. Nun da mein Partner den Befund hat, liegt es nicht oder nicht nur an mir. Da fühle ich mich dann manchmal schlecht darüber zu reden, weil es für Männer nochmal eine ganz andere Story ist. 

Mein Glück ist es, eine Freundin zu haben, die nach vier Jahren dank künstlicher Befruchtung schwanger geworden ist. Sie kann mir sehr viel mitgeben. Aber auch Social Media kann ein guter Ort sein, um Gleichgesinnte zu finden.

Durch das frühe Kommunizieren unseres unerfüllten Kinderwunsches sind die Erwartungen natürlich irgendwie da. Auch wenn keiner aus meinem Freundes- und Familienkreis nachfragt, da bin ich sehr dankbar für, merke ich manchmal unterschwellig, dass sie sich das denken. Das setzt mich schon unter Druck, auch wenn keiner fragt. 

 

Was waren noch Themen, die dich im unerfüllten Kinderwunsch beschäftigen?

Nun kommen ja auch weitere Themen dazu. Wenn wir heiraten müssen, damit wir im Falle einer Kinderwunschbehandlung finanzielle Unterstützung von Krankenkassen bekommen, dann ist das wieder ein großes Thema. 

Hinzu kommen bei mir familiäre Umstände. Ich habe eine geistigbehinderte Schwester. Deshalb drückt bei mir der Gedanke, dass ich inzwischen 30 Jahre alt bin und die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind dann auch eine Behinderung hat, ja nur noch steigt. Daher möchte ich auch nicht warten, bis der Staat nun vielleicht bald entscheidet, dass auch unverheiratete Paare Unterstützung erhalten sollen, sondern will direkt aktiv werden

 

Wann war bei dir dieser Punkt erreicht, zu sagen: Ich muss etwas tun, ich will in meinem unerfüllten Kinderwunsch aktiv werden?

Nach einem halben Jahr habe ich bereits gedacht, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich habe von Beginn an meinen Zyklus beobachtet, meine Temperatur gemessen, zusätzlich habe ich auch noch Schmierblutungen gehabt und daher kam mir der Gedanke recht schnell. Nach dem halben Jahr wollte ich aktiv werden, aber das zieht sich auch wirklich alles. Bis man einen Termin beim Frauenarzt hat, dann die Blutabnahme stattfindet und die Ergebnisse da sind. Das ist ein langer Weg. Und man fühlt sich auf diesem Weg nicht gut unterstützt. Die meisten Antworten sucht man sich im Internet und auf einer Website steht das eine, auf einer anderen was ganz anderes. Das verunsichert sehr. Bei meinem Frauenarzt habe ich leider nicht das Gefühl gut aufgehoben zu sein und ihn alles fragen zu können. Ich habe nicht das Gefühl, dass er mir zur Seite steht. Leider bin immer ich es, die nach den Untersuchungen dem Arzt hinterhertelefonieren muss, er macht das nicht. Und so bin ich die ganze Zeit in der Schwebe. Eine/n gute/n Frauenärzt*in zu haben, ist schon wichtig, aber auch echt schwierig zu finden. Mir hat immer der eine Ansprechpartner gefehlt, von dem ich Antworten bekomme, um endlich was tun zu können.

 

Das Umfeld & unerfüllter Kinderwunsch

Gesundheitssystem

Was würdest du dir in der Versorgung in unserem Gesundheitssystem wünschen, wenn es um den unerfüllten Kinderwunsch geht?

Vor allem Zugänglichkeit zu einer Wahrheit und nicht mehreren. Ich möchte schneller die richtige Symptomatik erkennen können und wünsche mir auch, dass Hilfe zugänglicher wird. Jeder sollte die Wahl haben sich bei bei einem Verdacht von Expert*innen untersuchen zu lassen. Ich wünsche mir, dass man ernst genommen wird und nicht nur eine Nummer im System ist. Und dass man sich mit anderen Frauen, die ähnliches durchgemacht haben, austauschen kann. Ein unerfüllter Kinderwunsch oder auch Fehlgeburten sind immer noch total stigmatisiert. Ein wirklicher Austausch wird gar nicht angeboten. 

 

Persönliches Umfeld

Hast du hilfreiche Tipps, die du mit uns teilen möchtest? Oder vielleicht Beispiele, was andere Leute gemacht haben, was dir gut getan hat?

Ich finde es sehr wichtig offen zu sein und Fragen zu stellen. Dabei sollte man aber nicht bewerten. Und was ich von meiner Freundin, die durch eine künstliche Befruchtung ihr Kind bekommen hat, gesagt bekommen habe war: “Wartet nicht! Beachtet nicht die normalen Regeln, ab wann man seine Fruchtbarkeit checken lassen sollte. Versucht schnell alles zu untersuchen.” Das war für mich sehr wertvoll, denn wenn man selbst merkt, dass etwas nicht stimmt, muss man kein Jahr rumprobieren und immer weiter enttäuscht werden. Diese Aussage: “Probiert erstmal, ihr seid ja noch kein Jahr dabei” finde ich wirklich total absurd. Daher würde ich auch diesen Rat weitergeben. 

Generell der Austausch mit meiner Freundin, die selbst davon betroffen war, war und ist super hilfreich für mich. Es ist nunmal normal und kann passieren, dass Kinder zu bekommen echt eine Herausforderung ist. 

Was gar nicht hilft sind Kommentare, wie “Du sollst nicht so viel arbeiten“. Ja, ich habe einen stressigen Job und bin auch etwas karrieregetrieben, aber das als Ursache für das Problem mit unserem Kinderwunsch darzustellen, finde ich nicht gut. 

Männer & unerfüllter Kinderwunsch

Du hattest gesagt für Männer ist das nochmal eine ganz andere Story, wenn sie erfahren, dass ihre Fruchtbarkeit eingeschränkt ist. Warum glaubst du das?

Ich glaube das liegt an der Gesellschaft. Wir haben uns darüber unterhalten und wir kennen keine Männer in unserem Umfeld, die ein Problem mit ihrer Fruchtbarkeit haben. Das heißt mein Partner hat keinen Zugang zu Jemandem, der in einer ähnlichen Situation ist und auch einen unerfüllten Kinderwunsch hat. Alle seine Freunde haben Kinder, das macht es für ihn nochmal schwieriger. 

Er betont immer wieder, dass er ein ganz normaler Typ sei. Er hat nichts, keine Krankheiten, ist immer gesund und das ist nun sein einziger Makel. Das macht glaube ich viel mit so einem “Mann”, der sich über Männlichkeit Gedanken macht. Für ihn ist es daher schlimmer als für mich. Frauen sind da vielleicht immer noch stärker als Männer. 

 

Lieben Dank dir Leonie* für deine Offenheit und das Teilen deiner Story!

*der Name wurde geändert, da unsere Interviewpartnerin gern anonym bleiben wollte.

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