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SZ Süddeutsche Zeitung  | Wirtschaft | 27.05.2022
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Viele Frauen brauchen vielleicht gar keine teure künstliche Befruchtung. Start-ups wie Levy Health wollen ihnen helfen, zum Teil mit Algorithmen. Das interessiert auch Investoren

VON KATHRIN WERNER

Am Anfang stand der Schmerz. Silvia Hecher hatte vier Fehlgeburten. Caroline Mitterdorfer hatte eine Dysplasie, eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs, wegen der sie ins Krankenhaus musste, mit damals 27 Jahren. Plötzlich war sie gezwungen, sich mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Und der Frage nach ihrem Kinderwunsch. „Dabei war ich damals die typische Karrierefrau, die noch nicht einmal wusste, wann sie ihre Tage bekommt“, sagt Mitterdorfer. „Im Nachhinein bin ich schockiert, wie wenig ich wusste. Aber so geht es ja vielen Frauen mit ihrem eigenen Körper.“

Aus dem Schmerz der beiden jungen Frauen erwuchs etwas. Sie lernten einander kennen, wollten beide etwas tun für Frauengesundheit, ein Unternehmen gründen. Das gibt es nun seit Anfang 2020, heißt Levy Health und ist nach eigener Aussage „die erste digitale Plattform für ganzheitliche Kinderwunschmedizin“. Das Berliner Start-up hilft Frauen, die Kinder bekommen möchten und bislang keinen Erfolg hatten – mit Algorithmen, die die dritte Mitgründerin Theresa Vilsmaier gemeinsam mit anderen Reproduktionsmedizinerinnen und -medizinern selbst geschrieben hat.

Insgesamt 2,5 Millionen Euro hat Levy inzwischen von Investoren erhalten

Unfruchtbarkeit ist ein riesiges gesellschaftliches Problem. Laut Weltgesundheitsorganisation ist mehr als jedes siebte Paar betroffen. Es geht um Millionen Menschen, für die das oft sehr belastend ist, die Beziehungen gehen häufig in die Brüche. Doch viele Paare holen sich keine medizinische Hilfe – oder oft erst sehr spät, nach vielen Jahren erfolgloser Versuche und manchmal auch Fehlgeburten. Das Problem ist nicht neu, aber erst in den vergangenen Jahren haben es Start-ups mehr und mehr als Geschäftsgelegenheit erkannt und zunehmend Aufmerksamkeit von Wagniskapitalgebern bekommen. Im vergangenen Jahr hat das Recherchehaus Pitchbook weltweit 90 Deals auf dem Gebiet gezählt, mit Investitionen von insgesamt mehr als 820 Millionen Dollar – das ist ein Anstieg um mehr als 27o Prozent im Vergleich zu vor fünf Jahren. „Wie reproduktive Gesundheit behandelt wird, hat sich in den vergangenen Jahren verbessert“, sagte Sasha Astafyeva, Partnerin beim Londoner Finanzinvestor Atomico, zu Pitchbook. „Veränderungen wie die oft späteren Familiengründungen haben dazu geführt, dass es gesellschaftsfähig geworden ist, über Unfruchtbarkeit und die damit verbundenen Herausforderungen zu sprechen.“

Auch Levy Health aus Berlin hat Geld von Investoren eingesammelt, schon recht früh im Gründungsprozess. „Wir bekommen sehr viele Anfragen von Investoren, die Interesse haben, weil frauengeführte Start-ups und Frauengesundheit im Trend liegen“, sagt Mitterdorfer. „Im Gespräch sitzen dann aber meistens Männer, und wir müssen lange erklären, wo eigentlich das Problem liegt.“ Die Gesundheitsbranche sei zudem stark reguliert, was Investoren abschrecke. Am Ende habe Levy dann aber doch gute Geldgeber gefunden – auch weil es eben doch viele Menschen gebe, die im Bekanntenkreis oder in der eigenen Familie erleben, wie schmerzhaft ein unerfüllter Kinderwunsch sein kann. Insgesamt hat das Start-up inzwischen 2,5 Millionen Euro aufgenommen von den institutionellen Investoren Atlantic Labs und Calm Storm.

Das Start-up arbeitet mit einer CE-zertifizierten, digitalen Software und Labortests. Anders als etwa bei Kinderwunschkliniken, die ein Interesse haben, kostspielige Behandlungen wie künstliche Befruchtung vorzuschlagen, wollen die drei Gründerinnen erst einmal mögliche Ursachen der Unfruchtbarkeit feststellen, die sich verhältnismäßig leicht beheben lassen. Obwohl sie sehr verbreitet sind, etwa das polyzystische Ovarialsyndrom, werden sie oft gar nicht oder erst nach vielen Jahren diagnostiziert. „In 70 Prozent der Fälle ist keine künstliche Befruchtung nötig – unter anderem können in diesen Fällen Zyklusmonitoring, Ernährungsumstellung oder Medikamente helfen, die Fruchtbarkeit zu steigern“, sagt Mitterdorfer. Levys Kundinnen zahlen 399 Euro, beantworten erst einen ausgiebigen Fragebogen, führen dann ein Videotelefonat mit einer Kinderwunschspezialistin und lassen dann in einem Partnerlabor ihr Blut untersuchen. Danach arbeiten die Algorithmen, und eine Ärztin gibt auf der Basis der automatischen Analyse Tipps, wie sie fruchtbarer werden können, etwa mit einer Gewichtsreduktion, mit Medikamenten oder sie empfiehlt die Behandlung in einer Kinderwunschklinik. Das Programm gibt es erst seit wenigen Monaten, gut 100 Frauen hätten teilgenommen. „Wir hoffen, dass wir noch dieses Jahr ein paar Levy-Babys und -Schwangerschaften sehen“, sagt Mitterdorfer.

 

Junge Unternehmen, die bei Kinderwunsch helfen, gibt es in vielen Ländern und vielen Nischen. Mit einigen Bereichen der Branche lässt sich viel Geld verdienen, vor allem mit In-vitro-Befruchtung. Andere sind eher im Frühstadium. In Frankreich arbeitet Endogene Bio etwa an Abhilfe bei Endometriose, einer Gewebewucherung, die zu Unfruchtbarkeit führen kann. Das Start-up Hannah Life aus den USA, das mithilfe der berühmten Silicon-Valley-Firmengründerschmiede Y Combinator entstanden ist, hat gerade frisches Wagniskapital eingesammelt, unter anderem für einen Applikator, mit dem sich Frauen zu Hause selbst befruchten können. Gaia aus England hilft bei der Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen.

„Social Freezing“ ist in Deutschland noch kein Thema – im Gegenteil

Das Berliner Start-up Fertilly versteht sich als Plattform, die Paaren und Singles mit Kinderwunsch bei Fragen zur Seite steht und hilft, sich für eine Klinik oder Praxis zu entscheiden – auch zum Beispiel beim sogenannten Social Freezing. Rund um dieses oft sehr teure Einfrieren von Eizellen für eine spätere Schwangerschaft gibt es diverse neu gegründete Firmen weltweit, etwa Apryl aus Berlin. Auch Apryl hat gerade frisches Kapital bekommen, die Firma stellt Arbeitgebern eine Plattform zur Verfügung, über die sie ihre Mitarbeitenden über Social Freezing und andere Kinderwunschthemen beraten können. Der Trend kommt aus den USA, dort bieten Unternehmen wie Apple, Facebook und Google ihren Mitarbeiterinnen an, die Kosten zu übernehmen, wenn sie ihre Eizellen auf Eis legen wollen.

In Deutschland ist das noch nicht verbreitet, ganz im Gegenteil. Viele Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch fürchten nichts mehr, als dass ihr Arbeitgeber erfährt, dass sie daran arbeiten, schwanger zu werden, erzählt Levy-Gründerin Mitterdorfer. Schließlich fallen sie bei einer Schwangerschaft als Arbeitskräfte aus, und ein unerfüllter Kinderwunsch sei ein Stigma. „Zu viele Frauen bekommen keine Hilfe, weil sie Angst vor hohen Kosten haben oder sich schämen, darüber zu sprechen“, sagt die heute 31-Jährige. Die Forschung sei außerdem längst nicht so weit, wie sie sein könnte, weil Frauengesundheit nicht genügend Aufmerksamkeit bekomme. Zudem gebe es nicht ausreichend Frauenärztinnen und -ärzte, die eine Zusatzausbildung als Reproduktionsmediziner haben und überhaupt richtig helfen könnten. Levy wolle den Frauen helfen und die Frauenarztpraxen entlasten. „Wir schließen da eine Lücke im Gesundheitssystem.“

Um die Tabus rund um Kinderwunsch und Frauengesundheit abzuschaffen, reden die Levy-Gründerinnen auch über ihre eigenen Erfahrungen. Mitterdorfer erzählt, wie sie einst überlegte, ihre Eizellen einzufrieren, sich die Prozedur aber am Ende nicht leisten konnte. Und ihre Mitgründerin Silvia Hecher berichtet darüber, wie schwer es war, als ihre Schwangerschaften verfrüht endeten. „Ich ließ mir nichts anmerken, aber am nächsten Tag kamen starke Krämpfe und damit die Verzweiflung und die Frage nach dem Warum“, schreibt sie in einem Blogbeitrag.

Lange fand sie niemanden, der ihr half, Antworten zu finden. Sie bekam ein Kind, danach folgten drei weitere Fehlgeburten und viele Ärztewechsel, bis sie endlich jemanden fand, eine Spezialistin für wiederholte Fehlgeburten. Diese diagnostizierte ein überaktives Immunsystem und gab ihr die passenden Medikamente. Kurze Zeit später wurde sie schwanger und bekam ihr zweites Kind. „Warum wird in diesem Bereich nicht mehr Diagnostik betrieben?“, fragte sie die Ärztin. Deren Antwort: „Weil die Pharmaindustrie an der Behandlung nichts verdient.“

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